Kinokritik: Blackhat

Nachdem WHOAMI[1] im letzten Jahr ja schon gut vorgelegt hat, war ich gespannt wie ein aktueller US-amerikanischer Film das Thema „Hacking“ darstellt. Der Trailer deutete auf eine interessante Story hin, in dem Angriffe auf Industrieanlagen von einem böswilligen Angreifer durchgeführt werden. Dieser Angreifer schien keine der üblichen Motive wie Geld oder Rache zu haben.

Auf der Suche nach einem Kino waren wir dann aber schon erstaunt, dass der Film scheinbar nur noch in der Spätvorstellung läuft. Wir mussten unsere Suche bis nach Witten ausweiten, wo der Film dann auch um 20 Uhr gezeigt wurde. Der Kinosaal selber erinnerte dann aber mehr an ein gut ausgebautes Heimkino (mit dem Nachteil, dass die Untertitel schlecht lesbar waren).

Ich hatte vorher extra alle Kritiken ignoriert, um nicht zu viel von der Story zu erfahren. Mittlerweile weiss ich dank IMDB, dass der Film schon nach wenigen Wochen in den USA nur noch in ca. 240 Kinos gezeigt wird und dass auf einen Start in Australien angeblich komplett verzichtet wurde. Der Film soll Verluste in Höhe von 90 Mio. US-$ eingefahren haben.

Da stellt sich die Frage: ist er wirklich so schlecht? Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass für den Rest des Artikels gilt: SPOILER ALARM. Wer den Kinobesuch noch vor sich hat, für den gibt es jetzt ein kurzes Fazit: kein Hit, aber wir haben die Ausgabe auch nicht bereut.

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Wie sieht nun die Story aus? Zeitgleich werden Steuercomputer in den USA und China angegriffen. Die Angriffe in den USA bleiben folgenlos, aber der Angriff in China führen zu einer Explosion in einem Nuklearreaktor. Ich fand hierbei die Eingangssequenz, in der wohl angedeutet werden sollte wie sich die Schadsoftware im Computer verbreitet, ganz gut gemacht.

Der Ermittler in China (dessen Schwester passenderweise auch eine Spezialistin in der IT ist) schlägt seinen Vorgesetzten eine Zusammenarbeit mit den US-Ermittlern vor. Als er entdeckt, dass der Schädling teilweise auf seinem eigenen alten Code und dem eines ehemaligen Kommilitonen beruht, holt er den inhaftierten Hacker hinzu (Auftritt Chris Hemsworth). Der fängt natürlich eine Affäre mit der Schwester seines Kumpels an, was übrigens meiner Frau nicht gefiel. Sie fragte mich nachher, warum eigentlich immer eine Romanze eingebaut werden muss; zudem fand sie, dass doch eher wenig gehackt wurde. Muss mein schlechter Einfluss sein…

Die Helden werden durch halb Asien gejagt, 9/11 wird auch kurz eingebaut und zum Schluss kommt es zum Showdown mit den Bösen, die dann doch nur am Geld interessiert sind.

Ach so, die NSA (und deren geheime Software) kommt auch noch drin vor.

Was mir zu dem Film einfällt:

  • es wird auch gehackt und man verzichtete auf übetrieben unrealistische Oberflächen. Eigentlich wurden hauptsächlich Konsolenzugriffe gezeigt.
  • manche regen sich über eine IP-Adresse auf, die in zwei Oktetten Zahlen größer als 255 enthielt. Hat mich nicht egstört, da ich ja auch an fiktive Telefonnummern gewöhnt bin
  • der Hacking-Anteil ist moderat und nimmt zum Ende hin deutlich ab
  • der Action-Anteil ist (gerade in der zweiten Hälfte) hoch
  • es stellt sich die Frage, ob ein hochrangiger Mitarbeiter der NSA wirklich einfach so ein PDF öffnen würde und ob es möglich wäre, darüber dort einen Keylogger zu installieren
  • würde die NSA wirklich einen Remotezugriff auf eine streng geheime Software zulassen? (aber die haben sich ja auch von einem kleinen Techniker den Fileserver lerrräumen lassen;-))
  • der Trailer verspricht eine etwas andere Story
  • der böse Hauptschurke war enttäuschend (wobei „Die Hard 4“ mit der Figur des Thomas Gabriel die Latte meines Erachtens sehr hoch gelegt hat)
  • das Finale war etwas krawallig und es war unglaubwürdig, dass bewaffnete Leute durch eine große Menschenmenge laufen können, ohne eine Panik zu erzeugen

Der Film folgt den üblichen Hollywod-Storywegen und ist deshalb kein „Hacker-Film“. Betrachtet man ihn als Action-Film mit Hacker-Elementen, dann ist er aber gute Unterhaltung. Er ist kein Blockbuster-Material wie Mission Impossible, aber solide Unterhaltung.

Was mir ganz gut gefiel: es gab zwischendurch ruhige Szenen, die dadurch besonders wirkten, weil in ihnen nicht gesprochen wurde.

Warum ist der Film nun so gnadenlos gefloppt? Auf IMDB gibt es mehrere Theorien dazu:

  • er trat gegen „American Sniper“ an und der scheint in den USA alle anderen Filme zu überrollen
  • Chris Hemsworth ist zwar als Thor bekannt („The Avengers“), aber er ist eben (noch) kein Zugpferd wie Tom Cruise oder Jason Statham
  • man nahm Chris Hemsworth den Hacker nicht ab
  • für einige Zuschauer war wohl unglaubwürdig, dass jemand ein guter Hacker und gut im Nahkampf ist
  • in der englsichen Fassung ist die Schwester wohl schwer zu verstehen
  • schlechte Kritiken haben potentielle Besucher dann abgeschreckt

Aber vielleicht haben die Zuschauer auch befürchtet (wie die uns begleitenden Damen), dass man im ganzen Film nur Leute vor Bildschirmen sieht.

Ich möchte auf den Punkt mit „man nahm ihm den Hacker nicht ab“ noch mal eingehen. Das erinnert mich ein bisschen an die Diskussion „ist Ben Affleck ein guter Batman“. Hier wird den Schauspielern gar nicht erst die Chance gegeben, die Zuschauer zu überzeugen; dumme Vorurteile eben.

Würde ich mir den Film noch einmal im Kino ansehen? Vermutlich nicht (dafür gibt es zu viele andere interessante Filme). Werde ich mir die DVD zulegen? Ja, denn ich sammle Filme mit „Hacking“ als Topic und da passt er rein.

Wenn man mit der richtigen Erwartungshaltung in den Film rein geht, dann wird man nicht enttäuscht werden; aber es reicht eventuell auch, wenn man sich die DVD zulegt.

Meine persönlichen Hacker-Filme bleiben „Hackers“, „Wargames“, „Takedown“ und „Whoami“ (und, ausser Konkurrenz, „Die Hard 4“;-)).

[1] http://wallutis.de/?p=1737

 

 

Comments ( 4 )

  1. ReplyFancy

    Noch ein kleiner Tip. Gerade läuft auf ARTE die australische Serie "The code". http://www.imdb.com/title/tt3914672/?ref_=fn_al_tt_2 Die ersten beiden Teile (von 6) liefen letzen Donnerstag, Teile 3 und 4 am kommenden Donnerstag. Bisher sehr interessante Story mit einigen "Hacks". Kann ich echt empfehlen - bisher. PS: die ersten beiden Teile gibt's in der Arte Mediathek :-)

    • ReplyThomas Wallutis

      Liegt schon auf meiner Platte;-)

  2. ReplyThomas Wallutis

    Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich einen Film übersehen habe;-) "Sneakers" darf man natürlich nicht vergessen; allerdings wäre er heutzutage vielen Leuten zu "ruhig" bzw. "langsam". Besonders deutlich fiel mir das bei "Der Dialog" mit Gene Hackman auf. "Office Space" steht auf meiner "to watch" Liste; danke für den Hinweis auf den deutschen Titel.

  3. ReplyFancy

    Sehr schöne Zusammenfassung. Danke. Ich werde mir den Film nun auch ansehen bzw. die DVD käuflich erwerben. "Sneakers" ist einer meiner Lieblings Hackerfilme, und dann wäre noch "Office Space" zu erwähnen - auf Deutsch heisst er "Alles Routine", glaub ich. Ist sehr zu empfehlen.

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